Die Pädagogin

„Auf Flügeln des Gesanges,
Herzliebchen, trag ich dich fort,
Fort nach den Fluren des Ganges,
Dort weiß ich den schönsten Ort.“

Heinrich Heine (Felix Mendelssohn-Bartholdy: Op.34, No.2)

Die menschliche Stimme als Musikinstrument besitzt ganz besondere Ausdrucksqualitäten mit einer sehr intensiven Fähigkeit zur Weitergabe von Emotionen. Die menschliche Wahrnehmung dieses Instruments ist sehr eigen und individuell. Die Vielfalt der Emotionen, die durch die menschliche Stimme übertragen werden können, sind unendlich. Das Fach, oder Instrument Gesang, gegeben von der menschliche Natur, besitzt eine besondere Magie, eine Besondere Kraft, die in dem Gedicht von Heinrich Heine sehr gut dargestellt wird. Um dieses Ziel der idealen Übertragung unseres Gesangs auf das Publikum zu erreichen, bedarf es sehr intensiver und sorgfältiger Arbeit. Ich habe jahrelange Unterrichtserfahrung, wo ich mich, mit der Stimme als Instrument, sehr stark auseinander gesetzt habe. Die Schwierigkeit besteht jedoch nicht nur in der Arbeit mit der Stimme selbst, sondern auch darin, das Erlernen des Singens an den Schüler zu vermitteln. Jeder Mensch ist anders, sowohl was das Alter, den Charakter und das Temperament, als auch die Stimme selbst betrifft. Dies setzt ein hohes Maß an Sensibilität und Einfühlungsvermögen seitens des Lehrers voraus, vor allem aber eine ständige Anpassung an die Bedürfnisse des Schülers und den jeweiligen Zeitpunkt.

Meine Erfahrung als Pädagogin ist sehr breit gefächert. Tatsächlich wurde ich schon in meiner Schulzeit mit dem Problem der Übertragung von Inhalten konfrontiert. In der Schule half ich gerne meinen Mitschülern bei ihren Hausaufgaben und versuchte dabei, die Ihnhalte so zu vermitteln, daß sie es verstehen konnten. Ich war sehr zufrieden, wenn dies funktionierte und so entdeckte ich meine Qualitäten als Lehrerin. Es dauerte nicht lange bis ich die Leitung des Kinderchors übernahm, da war ich erst dreizehn Jahre alt. Im Alter von achtzehn Jahren unterrichtete ich bereits Solfegio, Klavier und Chorgesang an der Musikschule. Im Alter von 21 Jahren hatte ich die Gelegenheit, meinen ersten Gesangsunterricht zu geben. Seither beschäftige ich mich kontinuierlich mit diesem fantastischen Phänomen, der menschlichen Stimme. Einer der größten Reize des Berufes des Gesangspädagogen ist nicht nur die Vermittlung musikalischer Inhalte, sondern auch die kontinuierliche Arbeit an der Individualität jeder Stimme, das Erforschen, neue Wege zu finden und die einfache Tatsache, dass man, wenn man an den kleinsten Details arbeitet, später die größten Früchte erntet.

„Da die Natur im kleinen und kleinsten ist, sollten wir auch im kleinen und kleinsten den Anfang suchen.“

Paul Klee – Unendliche Naturgeschichte
Konzept der technischen Arbeit in mein Unterricht

Die menschliche Stimme ist sehr individuell. Jede Stimme hat eine andere Klangfarbe und das macht jede Stimme einzigartig. Die Arbeit mit diesem Instrument erfordert aufgrund seiner menschlichen Natur eine funktionelle Gesangstechnik, denn nur so lassen sich die grundlegenden Ziele erreichen: eine freie Stimme, eine gesunde Entwicklung des eigenen Klangs und natürlich musikalische Sicherheit. Die funktionelle Arbeit erfordert den Einsatz des gesamten Körpers, um alle Systeme zu koordinieren, die an der Funktion der Stimme beteiligt sind.

„Nicht der Kehlkopf, sondern der ganze Mensch ist das Instrument.“

Franziska Martienssen-Lohmann

In der Renaissance entwickelte sich die Strömung des Humanismus, wo der freie, selbstbestimmte Mensch in den Mittelpunkt gestellt wird. In diesem wichtigen Moment der europäischen Kulturgeschichte liegen die Wurzeln der Stimmbildung, um die Stimme, als Instrument und auch als Botschafterin der Kunst, nutzen zu können. Zu dieser Zeit gibt es bereits viele Zeugen für die Ideen und Forschungen über die Funktionsweise der Stimme und vor allem über ihren ästhetischen Wert. Das Hauptziel war es, schön zu singen – so wurde das Konzept des „Belcanto“ geboren.

Von diesem Moment an bis heute liegt eine Entwicklung, die der Erfahrung vieler Komponisten und Lehrer zu verdanken ist. All dies bildet die Grundlage, auf der ich arbeiten kann, um die Suche nach dem „Klangsinn“ fortzusetzen. In meinem Unterricht beschäftige ich mich in erster Linie mit der funktionellen Technik der Stimme und ihren Grundelementen: Körper- und Atemarbeit, Resonanz und Stimmsitz, Diktion und Artikulation und natürlich der Beobachtung und Entwicklung von Klang und Projektion der Stimme.

Künstlerische Inhalte in meinem Unterricht

Die Rolle der „La Musica“ singt in der Oper „Orfeo“ von Claudio Monteverdi folgende Worte:

„Ich bin die Musik, die mit lieblichen Tönen dem verwirrten Herzen Ruhe schenkt.
Bald zu edlem Zorn, bald zur Liebe vermag ich selbst eiserstarrte Sinne zu entfachen.
Singend zum Klang der goldenen Zither entwücke ich zuweilen das Ohr des Sterblichen
und erwecke in der Seele die Freude an den klangvollen Harmonien der Himmelsleier.“

„Wenn ich nun meine Lieder singe, mal heiter, mal traurig,
soll der Vogel im Baum unbewegt lauschen,
soll keine Weile an die Ufer schlagen
und jedes Lüftchen still verweilen.“

Mit diesem Worte beginnt die faszinierende Geschichte des Gesangs als Kunst und Träger der menschlichen Gefühle. Es beginnt damit auch die szenische Darstellung in der Musik, mit Texten, der Stimme, alles was wir heute unter Oper verstehen. Es war der erste Schritt zur wunderbaren Entwicklung dieses großartigen Genres und damit verbunden der Entwicklung des Gesanges als Kunstinstrument.

In meinem Unterricht lege ich großen Wert darauf, das Repertoire verschiedener Epochen zu erarbeiten, mit dem Verständnis für die Bedeutung des Werkes, in den Moment wo es entstanden ist. Die Interpretation der Werke wird stilgerecht bearbeitet, dabei aber immer verbunden mit dem Wesen des Kunstwerkes – es soll keine reine äußerliche Stimmerscheinung ohne Sinn werden.

„Jedes Kunstwerk ist Kind seiner Zeit, oft ist es Mutter unserer Gefühle. So bringt jede Kulturperiode eine eigene Kunst zustande, die nicht mehr wiederholt werden kann.“

Kandinsky – Über das Geistige in der Kunst

Das Gesamtrepertoire kann sehr umfangreich sein, sowohl an Musikstilen und Epochen, als auch an Sprachen. Ich lege einen großen Wert darauf, mit meinen SängerInnen an neuer Musik zu arbeiten. Mit Neu meine ich nicht nur die damit verbundene Tonsprache des 20ten Jahrhunderts, sondern auch die Entdeckung unbekannter Werke, die musikgeschichtlich oft unbekannt geblieben sind, obwohl sie musikalisch sehr schöne Linienführungen zeigen und sehr angenehm sind um Gesang zu erlernen. Viele diese Werke kommen aus dem 19ten Jahrhundert. Auch viele Werke aus der Hand von Frauen, als Komponistinnen, verdienen eine besondere Aufmerksamkeit in der Auswahl meiner Gesangsliteratur.

Um singen zu lernen, sind die Auftritte und Projekte sehr wichtig – dadurch wird der Fortschritt erst befestigt. Auf der Bühne, vor einem Publikum, lernt man all das, was beim technischen Unterricht nicht möglich ist. Es ist eine andere Raumakustik, die Stimme klingt auf einmal anders im Vergleich zum gewohnten Unterrichtsraum. Vor allem der Umgang mit dem Lampenfieber setzt voraus, seine Fertigkeiten in der realen Situation, vor einem Publikum, zu üben. Ich habe bis jetzt viele Konzerte und Projekte für meine SängerInnen organisiert. Es ist für mich immer sehr schön, die Freude meiner SängerInnen am Singen zu spüren – vor allem der Tag, an dem ich sehe und höre, dass sie verstanden haben worum es geht. Dann weiß ich, dass meine Arbeit und mein Engagement nicht umsonst waren.